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Nachruf auf Oss Kröher 1927-2019 

Stirbt man im hohen Alter, geschieht dies oft einsam und als letzter seiner Art. Von Oss Kröher kann man nur das Letztere behaupten. Einsam war er nicht, dazu war sein gewachsener Freundeskreis zu groß und die Verbindung zu seiner Frau Gretel zu eng. Doch war er der Letzte nicht nur des Duos Hein & Oss, sondern auch eines bestimmten Typus Jugendbewegter: in den Organisationen der Nazis von Jugendbewegten der Vorkriegszeit geprägt, trug er nach dem Krieg zur Erneuerung der Jugendbewegung bei und prägte sie seinerseits in den 1960er Jahren in einem weltoffenen, kulturbewegten, antimilitaristischen, sozialen und freiheits- wie umweltbewussten Sinn.

Erst einmal holte Oss in den Fünfzigerjahren nach, was in der Kriegs- und Nachkriegszeit unmöglich gewesen war: grenzüberschreitendes Reisen, Kennenlernen fremder Kulturen als Zivilist, Abenteuer mit Freunden. Für seine Indienfahrt auf dem Motorrad, die er von 1951-1953 mit seinem Freund Gustav Pfirrmann unternahm, holte er sich von Karl Oelbermann persönlich, dem Bundesführer und Weltfahrer der Nerother, Rat. Daraufhin entwickelten Oss und Gustav ein Bühnenprogramm zur Finanzierung der Fahrt. Nach seiner Rückkehr erarbeitete sich Oss mit seinem Zwillingsbruder Hein einen umfassenden Liedschatz und mit den Nachkriegsjungenschaften aus Speyer und Köln schlossen sie neue Verbindungen und suchten alte Fahrtengebiete wie die Waldeck auf.

1963 bewiesen Hein & Oss mit dem Kalender Signale 1963 ihr Bemühen um eine aufgeklärte Fortführung der Jugendbewegung. 1967 legte Oss mit Sand und Salz den zweiten Band der Piratenbücherei des Südmarkverlages vor. Oss verarbeitet hier in Skizzen die Eindrücke verschiedener Fahrten, vor allem der Indienfahrt. Später arbeitete Oss die Erlebnisse der Indienfahrt in dem sehr erfolgreichen Buch Das Morgenland ist weit. Die erste Motorradreise vom Rhein zum Ganges, detailliert auf. Auf dieses erste Spätwerk folgten weitere autobiographische Bücher über den Lebensweg der jungenschaftlich geprägten Brüder ins Rampenlicht.

Die kleine, gerade heute lesenswerte Erzählung Solidarity forever! in „Sand und Salz“ beschreibt die Schwierigkeiten eines deutschen Angestellten der amerikanischen Armee, in einer Situation, in der er rassistische Diskriminierung beobachtet, einzugreifen. Er bleibt tatenlos. Der hilflose Beobachter teilt mit dem Diskriminierten die Lage als Abhängiger. Oss zeigt Solidarität nicht als unmöglich auf, sondern als erst noch zu verwirklichen. Die Verwirklichung von Solidarität impliziert das Erkennen der geteilten Lage. Erst wenn die Diskriminierung einer anderen Gruppe als Diskriminierung jeder Gruppe Anderer verstanden wird, wird Solidarität zur unumstößlichen Haltung und politischen Macht. Doch bringt die Geschichte noch eine weitere grundlegende Einsicht zum Ausdruck: Nicht einmaliger Heroismus, sondern Selbstkritik war der Weg der moralischen Rehabilitation der Deutschen!

1969 veröffentlichten Oss & Hein das Buch rotgraue raben. vom volkslied zum folksong, eine Art Fazit und nachträgliche Theoretisierung der Waldeck-Festivals. Oss & Hein verfolgten hier die Spur von Hans Breuer und dem Wandervogel zu tusk und dj.1.11 bis zu den Hippies und Bob Dylan, zu Peter Rohland, Hannes Wader und Franz Josef Degenhardt und formulierten so einen Zusammenhang der neuen Folk- und Alternativ-Bewegung mit dem Innersten der Jugendbewegung, der ihr einen Sinn jenseits des musealen Bewahrens gab.

Oss & Hein hatten die Idee, die Waldeck neben der „Hochschule der Vagabondage“, die sie in den 1920er Jahren war, zu einem „Bauhaus der Folklore“ zu machen. Mit den Festivals „Chanson Folklore International“ war der Aufbruch der deutschen Liedermacher- und Folksänger-Szene, des politischen Liedes insgesamt und damit ein wesentlicher Beitrag der Jugendbewegung zur allgemeinen kulturellen und politischen Erneuerung der bundesdeutschen Gesellschaft verbunden.

Oss leistete mit Hein nicht nur einen großen Beitrag zum Gelingen dieser Festivals, sie arbeiteten auch unermüdlich an einer eigenen Idee der Folklore, die sie eng an die Idee des Volksliedes knüpften, das sie als wahrhaften Ausdruck der Lebenslage all jener Gruppen am Rande der Gesellschaft, von Tagelöhnern, Landarbeitern, Freiheitskämpfern, Arbeitern, Fahrenden, Soldaten, Partisanen, Cowboys, Seeleuten, Wanderern, Straßenmusikern und allen anderen jenseits der Norm verstanden, die Lieder als direkten Ausdruck ihrer Lage erfanden und durch das Singen mit anderen ein Einverständnis über ihr gemeinsames Schicksal herstellten. In diesem Sinne sind alle von Hein & Oss aufgenommenen Lieder Ausdruck eines geteilten Lebensgefühls und nicht einer individuellen Gefühlslage: Solidarity forever!

Das gilt für das traurige Lied John Kanaka, das die Geschichte von an Walfänger verkauften oder weggegebenen melanesischen Schiffsjungen aus armen Familien beschreibt, genauso wie für den amerikanischen Schlager „O give me land“ oder „Falado“ - dem Lieblingslied von Oss. Das Weltwissen, das in diesen Liedern enthalten ist, fand in Oss seinen Empfänger. So wusste er als einziger, dem ich je in Deutschland begegnet bin, wo sich Neukaledonien befindet und dass Kanak schlicht die Selbstbezeichnung „Mensch“ bedeutet. Und auch dies erlaubt politische Schlüsse, denn so wird verständlich, warum die aktuelle Unabhängigkeitsbewegung in Neukaledonien die Umbenennung der Insel in Kanaky fordert.

Wer heute die CDs von Hein & Oss hört und noch nicht an ihren Sound gewöhnt ist, mag zuerst irritiert sein von der ganz unironischen, an Authentizität orientierten Darbietung. Diese stellt sich in den Dienst des Liedes und nimmt die individuelle Interpretation dafür fast ganz zurück. Cowboylieder werden als Cowboylieder präsentiert, mit der ganzen Ernsthaftigkeit, Schwermut und Überzeugungskraft einer Gruppe Nichtsesshafter, die ohne bürgerliche Existenz ein Leben in relativ großer Freiheit aber ebenso großer Unsicherheit führen. Das Gleiche gilt für Wander-, Partisanen- und Freiheitslieder – und all die anderen.

Hein & Oss versuchten auch, ihre Mitbürger über das Lied anzusprechen. So erklären sich Lieder gegen die Giftgas-Lagerung im Pfälzer Wald („Giftgaslied“ oder „Abfall“) als Versuch, die Mit-Pfälzer zu bewegen, sich gegen die todbringende Waffe und Umweltzerstörung zu wehren. Eigene Eindrücke verarbeiteten sie zum Beispiel in dem – nun selbstironischen – Fahrtenlied „Gringo Pass“. Außerdem haben Hein & Oss Vertonungen oder Übersetzungen hinterlassen, die von bleibender Anmut sind. Man denke nur an den „Pfahl“, den „Gesang der Baumwollpflücker in Mexiko“, „Wasser vom Rio Grande“, „Die Sternenreuse“ oder „Servus Europa“.

17 gemeinsame Lieder-CDs mit Hein, drei Hörbuch-CDs und ein Dutzend Bücher bilden das gewaltige Lebenswerk von Oss. Besonders die gemeinsam mit Hein herausgegebenen großen Liederbücher „Das sind unsere Lieder“ und „Die Liederpfalz“, aber auch die kleineren wie „Cowboylieder“, „Der neue Zupfgeigenhansl“ des „Europaliederbuch“ oder Oss‘ Bücher zum amerikanischen Lied „Sing out!“ und zum französischen Lied „Joli tambour“ stehen für eine einzigartige Leistung jugendbewegten Lebens. Eine Vielzahl Ehrungen, darunter das Bundesverdienstkreuz, bezeugen die offizielle Anerkennung dieser Leistung.

Oss Kröher starb am 1. Juli im Alter von 91 Jahren in Rodalben.

Solidarity forever!

Oliver Eberl

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