Nachruf: Fotler / Erik Schellhorn

„Ob nun die Eiche schon gefällt ist, oder die Fichte für den Sarg, das ist egal, die Uhr läuft weiter, mach´ dich für deinen Abgang stark“

Fotler – ein großer Waldeckfreund und Idol der Liedermacherszene verstarb kurz vor Pfingsten

Fotler war ein Mysterium. Zwar war er selbst nie Mitglied der ABW, jedoch hätte man sich keinen besseren ABWler vorstellen können.

Stets war er an der Waldeck interessiert, verfolgte die Aktivitäten des Vereins und brachte fast alle neuen Lieder zum allerersten Mal, alleine, mit dem Kölschen Klüngel oder mit seinem Freund Igor als das Duo „Die Rheinrussen“ auf der Bühne der Waldeck dar. Zum großen Teil brillante, russische Übersetzungen, „knallhart am Original gearbeitet“, wie er stets zu sagen pflegte, kantig und ungeschliffen, wie er auch selbst oft anmutete. Leider wurde dies durch die Jury nur selten angemessen honoriert. Die „zweite Jury“ jedoch, begeisterte Musikanten sowie Sängerinnen und Sänger aus den Bünden oder Musikinteressierte, sahen nicht selten den ungeschliffenen Diamanten hindurchschimmern und halfen nach, um den Liedern sowie Fotlers Leistung zu gebührender Ehre zu verhelfen.

Die russischen Liedermacher, welche er verehrte, brillierten zumeist in kantigem Einzelgesang, welcher erst, nach Fotlers Übersetzung und anschließendem Debut auf der Waldecker Bühne, in Gruppengesang „übersetzt“ werden musste.

Hier halfen seine Gefährten und polierten „All diese Wellen“, „Ach, Liebes sage mir“ und das Hochzeitslied mehrstimmig und melodisch auf, so dass es zwar nicht mehr „knallhart am Original“ war, aber für alle Singegruppen nutzbar wurde und selbst Verbandspfadfinder, welche den Zugvogel nicht kennen (und vermutlich auch eher geschockt wären, ob der Vagabondage), das „Geburtstagslied“ anstimmen, selbst wenn im Text besungen wird, dass die Freunde des Geburtstagskindes offenbar rauchen würden.

Auch bei Treffen mit jungen Nerothern bemühte er sich stets um ein gutes Verhältnis auf Augenhöhe und wiederholte stets die Bitte und Aufforderung, den Nato-Klingendraht um das Köpfchen sofort zu entfernen. Als überzeugter bündischer, Pazifist und Mensch des Dialoges war er geschockt über diesen brachialen Akt der Gewalt, welcher, seiner Ansicht nach, diesen Platz entweihte.

Die bündische Szene prägte er durch seine Reisen, gepaart mit hervorragenden Englisch-, Griechisch- und natürlich Russischkenntnissen. Es ist möglich, dass Russland auch ohne Fotler ein beliebtes Fahrtenziel in der bündischen Welt geworden wäre, aber die Fahrten mit ihm – Transsibirische Eisenbahn an den Baikal, Gitarre dabei, den Beutel zur Hand, durchs Gebirge und dann zum Musikfestival nach Samara – das war Kult, hier musste man dabei gewesen sein.

Als die ABW 2000 den ersten Peter Roland Singewettstreit ins Leben rief – natürlich trat Fotler dort in allen Kombinationen auf. Er liebte die Bühne und den historischen Kontext, als bündischer Liedermacher auf DER WALDECK auftreten zu dürfen.

Also bestaunten wir in den kommenden Jahren und Jahrzehnten Fotler am nächtlichen Feuer der Singerunden, nicht selten bis morgens der Nachtvogel schreit, die Rheinrussen und den Kölschen Klüngel, welche ihre Gewinne stets in einen Turm aus Bierkisten investierten, um „das Volk“ an ihren Erfolgen teilhaben zu lassen.

Über die Zeit knüpften auch die Panduren wieder zarte Bande zum Zugvogel und luden zu gemeinsamen Abenden ein (mit regelmäßigen Gegenbesuchen auf dem Kochshof, dem Bundessitz des Zugvogels in Odenthal), auf dem Fotler mit „den üblichen Verdächtigen“ natürlich teilnahm und die Treffen musikalisch gestaltete.

Die Peter Roland Stiftung verlieh dereinst die berühmte Bassbalalaika in einer feierlichen Zeremonie an den Zugvogel, wo Skynnie sie in den Singerunden spielte. Als russland-affiner, burschikoser Jugendbund (alles Prädikate, derer man sich heutzutage nicht mehr so ohne Weiteres rühmen würde), schien sie hier in den richtigen Händen zu sein.

Nach einer Saure-Gurken-Zeit auf dem Kochshof, in der das Instrument mehr verstaubte als gespielt wurde, ging sie dann, umrahmt von einem großen, von Fotler initiierten Bassbalalaika-Fest, an die Pilgrim Falconi aus Neuwied. Hier wurde, unter Fotlers, Molos, Mikes und Plauders Ägide, gefeiert bis in die frühen Morgenstunden und gezahlt mit (vermutlich gefälschten) Rubelscheinen, auf denen Peter Rolands oder wahlweise Fotlers Konterfei einen ansangen. Dass es sich bei der Balalaika vermutlich ebenfalls um bündische „Raubkunst“ handelte, das war ein weiterer, interessanter Zwischenton dieses Abends.
Auch die Leinenbluse Peter Rolands ging in Absprache mit Peters Schwester und Peer an Fotler, als „einen Menschen und Musiker, der würdig ist, diese zu tragen“, was er auch auf den meisten Bühnenauftritten mit Stolz tat.

Der Geschichten gäbe es noch viele, auch mit Schnittmenge zur Waldeck. Er kannte und konnte nahezu jedes Degenhardt-Lied spielen und hat das auch auf seinen „Molko-Brothers“ Kassetten, welche er zusammen mit Robin aufnahm, getan. So haben wir „damals“ die größten Hits gelernt!
Eva-Maria Hagen und Wolf Biermann – das gesamte Repertoire – er konnte es auswendig!
Viele Waldecker*innen durften Fotler in Griechenland erleben – die Landessprache beherrschend und ganze Tavernen mit griechischen, englischen und russischen Liedern unterhaltend.

Einer der letzten echten Wandervögel, die noch für ihre Sache einstanden und ganz im „Hier und Jetzt“ lebten und in jungen sowie alten Menschen noch das Feuer entfachen konnten, was andere schon lange verloren haben. Einen „lebenden Anachronismus“ hat ihn Skynnie damals gerne genannt. Selten war etwas passender.

Fotler hat sich musikalisch, menschlich und – als Schmiedemeister – auch gestalterisch in viele Projekte eingebracht, hatte ein großes Herz, stets ein offenes Ohr und eine helfende Hand für jedermann.

Das Loch, welches er in unsere Mitte gerissen hat. ist riesengroß, jedoch wäre es weit größer, wenn er seinen unfassbaren Liedschatz, seine preisverdächtigen Diavorträge und seine Schmiedekunst uns nicht als Vermächtnis hinterlassen hätte. Dennoch wird die Feuerrunde nach dem Singewettstreit traurigerweise viel leerer sein, als wir es bislang kannten.

Fahre wohl, alter Freund!

(bölkes)

https://www.youtube.com/watch?v=BBWuXjn97k0