* 1.10.1940 New York, USA – † 12.11.2025 Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern
Im November vergangenen Jahres ist die großartige Künstlerin Gertrude Degenhardt gestorben. Sie überzeichnete die von ihr wahrgenommene Welt, ohne sie zu Karikaturen zu machen. Die Bilder waren häufig grotesk. In ihren Radierungen oder mit Pinsel und Zeichenstift wurden die Menschen markant, sie waren »kauzig, ernst, heiter, nüchtern und trunken, erotisch und asketisch, individuell und originell« (Wikipedia).
Die bürgerlichen Typen fand sie nicht interessant. Sie malte oder radierte lieber lebenstrunkene Musiker*innen, die Menschen in den Pubs in Irland und die Freund*innen beim Feiern und Singen. Sie erschuf viele politische Bilder, wie den Demonstrationszug für die 35-Stunden-Woche oder das Skelett von Adolf Hitler als Vogelscheuche. Ihr Strich war unverwechselbar. Es entstanden so unterschiedliche Werke, wie beispielsweise in den 1990er-Jahren die Reihe der Frauen in »Vagabondage«.
Ein sehr häufiges Thema ihres grafischen Werkes war die Musik. Der Kulturstaatssekretär Prof. Dr. Jürgen Hardeck erinnerte sich anlässlich ihres Todes an sie: »Lange bevor ich Gertrude Degenhardt zum ersten Mal traf, waren mir ihre faszinierenden Bilder bekannt. Sie gehörte ja zur Liedermacher- und Kabarettszene (Degenhardt, Hüsch, Schobert, Schöntges u.a.), die am Gonsbach in Mainz-Gonsenheim und im Unterhaus ihre Mainzer Heimat hatte. Ihre Liederbuch- und Plattencover sind legendär, zum Beispiel für ihren Schwager Franz Josef Degenhardt, für die Westpfälzer Barden Hein & Oss oder für ihre Tochter, die wunderbare Gitarristin Annette Degenhardt.«
Ihr Mann Martin Degenhardt und sie kamen immer wieder auf die Waldeck. In 42 Ausgaben des KÖPFCHEN wird sie und ihr Werk erwähnt oder größer gewürdigt. Insbesondere in den 1990 – 2010-er Jahren. Ihr Werk berührte uns, wir fanden uns dort wieder.
Kein Wunder, dass viele ältere Waldecker*innen Original-Werke oder Plakate von ihr in ihren Wohnungen hängen und von ihr gestaltete Bücher haben. Auch auf der Waldeck finden sich ihre Werke, im Vereinsraum im Mohrihaus hängt ein Werk, das ihren Schwager Franz Josef Degenhardt zeigt, in der Berliner Hütte eine verwegene Sängerschar und natürlich fand sie ihren Platz im Waldeckbuch und wir haben Werke von ihr im Archiv.
Unvergessen und immer noch genutzt ist das Liederbuch von Hein & Oss Kröher herausgegebene Liederbuch »Das sind unsere Lieder«. Es enthält neben den Liedern mit Noten viele ganzseitige, farbige Abbildungen ihrer Werke und kleinerer Radierungen. Schon das Buchcover ist von ihr.
Warum steht dann im aktuellen KÖPFCHEN kein Nachruf? Ich habe von ihrem Tod erst jetzt erfahren. Das ist traurig. Natürlich hatten wir nicht mehr so viel Kontakt zu ihr, nachdem Martin gestorben war und sie immer älter wurde. Zudem war sie immer sehr in sich zurückgezogen, sie sprach nicht viel, sie drückte sich in ihren Bildern aus. Diese Bilder werden überdauern.
Gertrude Degenhardt starb nach einem großen Künstlerinnen-Leben mit 85 Jahren.
Farewell Gertrude
josch
Ein kurzer Film des SWR über und der damals 80-jährigen Gertrude Degenhardt.